Interview

Dominic Rinkel:

"Sport am Abend reicht nicht aus!"

Dominic Rinkel arbeitet als Physiotherapeut in der Gemeinschaftspraxis Health19 in Wien, seine Schwerpunkte sind Orthopädie, Rheumatologie und Neurologie. In Kalifornien hat er sich zum PNF-Therapeuten ausbilden lassen. 2013 begann er an der Entwicklung von bee zu arbeiten.

Wie kamen Sie auf die Idee bee zu entwickeln?

Dominic Rinkel: Durch meine Patienten und Patientinnen. Die meisten meiner Patienten mit Rückenleiden üben eine sitzende Tätigkeit aus. Um Überlastungen am Arbeitsplatz zu vermeiden, bekommen sie von mir Mini-Übungen als Hausaufgabe, die sie dann unter anderem im Büro durchführen sollen. Allerdings werden die Übungen im Arbeits- und Alltagsstress leider viel zu häufig vergessen. Ich wollte meine Patienten auch im Alltag unterstützen, wenn sie nicht in meiner Praxis sind. Das hat mich auf die Idee zu bee gebracht. Ursprünglich eine einfache Erinnerungsfunktion für einfache, kurze Übungseinheiten.

Wenn ich tagsüber im Büro sitze, reicht es dann aus am Abend Sport zu treiben um einen Ausgleich zu schaffen?

Nach einem langen Tag im Büro ist Bewegung am Abend auf jeden Fall sinnvoll. Ausreichend ist es jedoch nicht. Bewegung muss auch während des Tages stattfinden.

Warum ist das so?

Stellen Sie sich vor, Sie schlagen sich vormittags im Büro mit einem Hammer auf Ihren Daumen. Am Abend wird Ihr Daumen dann behandelt. Die Behandlung hilft Ihnen. Wenn Sie sich jedoch jeden Morgen erneut auf Ihren Daumen schlagen, wird Ihr Daumen trotz Behandlungen nicht besser werden. (grinst) Mit Ihrer Wirbelsäule ist das ähnlich. Die Bewegung nach Arbeitsschluss hilft Ihnen. Sie müssen jedoch auch starres, langes Sitzen während des Tages vermeiden, denn sonst besteht die Gefahr, dass Sie Ihren Körper täglich erneut überlasten. Ziel sollte es sein, Bewegung gezielt in den Alltag zu integrieren, um Schäden durch einseitige Belastung zu vermeiden.

Aber was, wenn ich tagsüber kaum Möglichkeit habe, mich zu bewegen?

Da kann man schon einiges tun, auch sitzend - ohne gleich durch das Büro joggen zu müssen. (grinst) Genau das zeigt Ihnen bee.

Was ist denn die beste Sitzposition?

Oh, das ist eine der beliebtesten Fragen meiner Patienten! Dazu kann ich nur sagen: beste Position = nächste Position. Studien zeigen, dass sowohl das gebückte „faule“ Sitzen wie auch das starre Sitzen mit aufrechter Wirbelsäule über einen längeren Zeitraum zu Problemen führt. Versuchen Sie deshalb immer wieder kleine Bewegungen durchzuführen und wechseln Sie häufig die Sitzposition. Wenn Sie schon sitzen müssen, dann versuchen Sie dynamisch zu sitzen.

Richtiges Sitzen ersetzt aber nicht den Sport...

Nein, natürlich nicht. Es braucht zusätzliche gezielte Übungen und vor allem Regelmäßigkeit in der Bewegung. Ihr Bewegungsapparat braucht einen täglichen Input. Wenn Sie immer nur die gleichen Muskeln benutzen, bilden sich die nicht verwendeten Muskeln zurück. Sie müssen es ja nicht übertreiben, aber investieren Sie lieber heute ein wenig Zeit in Bewegung, damit Sie sich später nicht viel Zeit für Ihre Krankheiten nehmen müssen. Machen Sie sich Bewegung zu Ihrer Freundin oder Ihrem Freund. Sehen Sie jede kleine Übung, jeden Schritt und jede einzelne Treppenstufe als ein Geschenk an.

Wieso leiden so viele junge Menschen schon an Rückenproblemen?

Das liegt unter anderem an unserem mangelhaften Bewegungsverhalten und unseren täglichen Belastungen. Unser kalendarisches Alter entspricht oft nicht unserem biologischem Alter beziehungsweise unserem Fitnesslevel. Kürzlich hatte ich eine 91 jährige Patientin, die täglich Turnübungen macht und schwimmen geht. Sie hat mir berichtet, dass sie mit 74 Jahren das letzte Mal einen Kopfstand gemacht hat. Aufgehört hat sie nur weil sie erfahren hat, dass ein Kopfstand nicht gut für die Halswirbelsäule ist. (lacht) Ich kenne viele 20 Jährige, die keinen richtigen Kopfstand mehr machen können. Wir degenerieren und atrophieren im Alter nicht nur weil wir älter werden, sondern weil wir uns im Alter weniger belasten. Auch hier gilt: „use it or lose it“ oder „if you need it, you keep it“.

Wie hat sich bee seit Ihren ersten Überlegungen entwickelt?

Von der Idee einer reinen Erinnerungsfunktion haben wir uns schnell in ein ganzheitliches Programm entwickelt. In einem Stress belasteten Arbeitsumfeld ist es wichtig unsere Kunden nicht auch noch mit einem Zwang zur Bewegung zu belasten. bee macht Spaß! Die Übungen sind einfach und können wirklich überall ausgeführt werden. Das Programm weckt spielerisch den Ehrgeiz sich selbst etwas Gutes zu tun.

Vielleicht noch ein letztes Wort von Ihnen an die Leserinnen und Leser?

beenergized (zwinkert)